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Arbeiterlesezimmer

Zieglergasse 18
1070 Wien

Hier wurde 1868 (erst seit 1867 legal) eines der ersten Arbeiterlesezimmer Wiens von einem Arbeiterverein eingerichtet. Arbeiter konnten in ihrer kargen Freizeit Zeitungen, Zeitschriften und Bücher lesen. Finanziert wurden die Lesezimmer auch von den Gewerkschaften durch Gartenfeste, Mitgliedsbeiträge und organisierte Spaziergänge.

Während der Märzrevolution 1848 wird den Arbeitern bewusst, dass Bildung für ihren politischen Aufstieg wichtig ist. Der erste Arbeiterverein wird vom Buchbindergehilfen Friedrich Sandner im Juni 1848 im Gasthaus Fürstenhof im dritten Bezirk, Beatrixgasse 19, gegründet. Er definiert das Ziel des Vereins mit den Worten: "Belehrung durch leichtfassliche Vorträge, Förderung der Bildung durch eine Bibliothek, Förderung der Geselligkeit durch einen Gesangsverein und Deklamationen." Aber auch: Freie Gewerbeordnung, geregelte Arbeitszeiten, Bildungsmöglichkeiten, Kranken- und Invalidenkassen.

Die konstituierende Sitzung findet am 15. Juli 1848 im Theater in der Josefstadt statt.

Auf Einladung von Sander referiert Karl Marx vor rund 1.000 ZuhörerInnen Ende August 1848 in Wien über die sozialen Verhältnisse in Europa und Arbeitererhebungen.

Sandner nutzt die kurzzeitige Pressefreiheit in der Monarchie und gibt das "Wiener Allgemeine Arbeiterblatt" heraus. Mit der Niederschlagung der Revolution im Oktober 1848 wird der Verein wieder aufgelöst.

Neugründungen der Bildungsvereine

Fast zwanzig Jahre später nehmen die organisierten Arbeiterbewegungen den Gedanken der Bildungsvereine wieder auf, 1864 wird der "Fortbildungsverein der Buchdrucker" genehmigt. 1867 fällt mit dem Erlass des Staatsgrundgesetz auch das Vereins- und Versammlungsverbot. Im Dezember 1867 versammeln sich ArbeiterInnen und gründen den "Wiener Arbeiterbildungsverein." Ziel ist u.a. auch die Einführung von Kranken- und Invalidenunterstützungskassen. Und sie beschäftigen sich mit wirtschaftlichen und politischen Problemen.

Einer der aktivsten Vereine ist der 1867 im "Blauen Bock" gegründete Gumpendorfer Arbeiterbildungsverein in Mariahilf, der bereits 1868 eine Kranken- und Invalidenkasse für seine Mitglieder gründet. Im gleichen Jahr wird auch in der Zieglergasse 18 eines der ersten Lesezimmer des Arbeiterbildungsvereins eingerichtet. Die Polizei beobachtet die Lesezimmern und Vereinslokale der ArbeiterInnen und hat den Auftrag, bei politischen Diskussionen einzuschreiten.

Wahlrecht

Der Drang nach politischer Mitbestimmung wächst unter den ArbeiterInnen stetig. Bis schließlich am 13. Dezember 1869 20.000 ArbeiterInnen zum Reichsrat ziehen: sie fordern die Abschaffung des Koalitionsverbots und ein allgemeines, gleiches und geheimes Wahlrecht sowie Presse-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit. Am 23. Dezember 1869 werden jene Delegierten, die Ministerpräsident Taaffe eine Petition mit den Forderungen übergeben haben, verhaftet. Die zehn Männer sitzen bis zu Prozessbeginn im Juli 1870 in Untersuchungshaft. Es folgen Solidaritätskundgebungen, die niedergeschlagen werden, was wiederum neue Proteste hervorruft.

Schließlich beugt sich die Regierung und hebt am 7. April 1870 das Koalitionsverbot auf. Von nun an können Gewerkschaften gegründet werden, und ArbeitnehmerInnen dürfen offiziell mit Arbeitsniederlegungen drohen.

In Lesezimmern macht der Herausgeber des Arbeiterblattes "Volkswille" Heinrich Scheu (1845-1926), dessen Bruder Andreas auch angeklagt ist, auf die wahren Hintergründe des Prozesses aufmerksam. Der Prozess gegen die Delegierten ist für 22 Tage anberaumt. Das Militär ist in Kampfbereitschaft. Drei Männer werden wegen Hochverrats zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt. Die restlichen Angeklagten verurteilt das Gericht anhand anderer Paragraphen. 1871 werden alle Verurteilten aufgrund einer Amnestie freigelassen. 8.000 ArbeiterInnen jubeln bei einer Versammlung in den Sophiensälen.

In den folgenden Jahren versucht die Regierung, die Arbeit der Arbeiterbildungsvereine zu unterbinden. Sie zensuriert Zeitungen, beschlagnahmt Bücher und Broschüren, verbietet Veranstaltungen und führt regelmäßig Hausdurchsuchungen durch.Im Mai 1876 verbietet die Regierung den Gumpendorfer Arbeiterbildungsverein, im Oktober 1876 wurde er neuerlich gegründet, löst sich im Januar 1884 wieder auf und konstituiert sich schließlich Ende 1885 zum vierten Mal. Die Arbeiterlesezimmer und Fortbildungsstätten der Gewerkschaften werden auch durch organisierte Spaziergänge und Gartenfeste finanziert.

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Die Zieglergasse hinauf: hier gab es im 19. Jh. noch Ziegeleien, und einige Seidenfabrikanten hatten hier ihre Wohnhäuser. Hier wohnten aber auch die Arbeiter der Seiden- und Bandfabriken, Hausierer und Hausbedienstete in elenden Unterkünften.

Zieglergasse 22: das Gold- und Silberschmiedmuseum mit einer der ältesten Silberschmieden Wien. Gegründet 1847. Im Museum wird die Entwicklung des Handwerks gezeigt: von Graveuren, Ziseleuren und Besteckmachern. Auch die Arbeitsgeräte wie die der "Feilnagel" (kleines Brett zur Bearbeitung eines Werkstücks), die "Schusterkugel" (hinter der mit Wasser gefüllten Glaskugel stand eine Kerze. Das Licht wurde gefiltert und schont die Augen) und der Blasebalg, "Schlapfendampf" genannt. (Öffnungszeiten: Mittwoch 15.00 bis 18.00 Uhr).

In der Zieglergasse gab es das Cafe Ecke, hier spielte während der Verbotszeit der Gewerkschaften zwischen 1934 und 1938 Johann Böhm mit dem damals 14-jährigen Bildhauer und Künstler Alfred Hrdlicka Schach. Die Gewerkschafter nahmen zur Tarnung ihrer illegalen Treffen ihre Söhne mit.

Quellen: Eva Matt, Anarchistischer Terrorismus in der Habsburgermonarchie. Seminararbeit, 2002

Bezirksmuseum (abgerufen am 08.04.2015)

dasrotewien.at (abgerufen am 08.04.2015)

Florian Klenk: Die Genossen Flöttl (abgerufen am 08.04.2015)


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Gründung des Arbeiterbildungsvereins 1867

von ÖGB