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Grete Rehor

Grete Rehor-Park
1010 Wien

Die christliche Gewerkschafterin Grete Rehor (1910-1987) wurde von der ÖVP-Alleinregierung (1966-1970) als erste Frau zu einer Bundesministerin in Österreich ernannt. Rehor begann ihre gewerkschaftliche Arbeit 1927 als Sekretärin des Zentralverbandes der christlichen Textilarbeiter, war von 1928 bis 1938 das erste weibliche Mitglied im Jugendbeirat der AK Wien und beeinflusste die Aktionen „Jugend am Werk“ und „Jugend in Not“ maßgeblich.

Nach dem Kriegsende 1945 war sie in der Gewerkschaft der Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter tätig und ab April 1948 Bundesvorsitzende der Fachgruppe Weber. Zwischen 1949 und 1970 war sie Nationalratsabgeordnete. 1957 gründete sie das Frauenreferat des ÖAAB. 1970 zog sie sich aus der Politik zurück.

Grete Rehor ist das zweite von drei Kindern einer diplomierten Krankenschwester und eines Beamten. Sie wird am 30. Juni 1910 in Wien geboren. Ihr Vater stirbt im Ersten Weltkrieg. Sie besucht die Volksschule, die Bürgerschule und das einjährige Lehrerseminar. Ihren Beruf kann sie nicht ausüben. Sie muss in der Nachkriegszeit als Textilarbeiterin arbeiten, um sich den Besuch der dreijährigen privaten Handelsschule zu ermöglichen. 1927 wird sie hauptamtliche Sekretärin im Zentralverband der christlichen Textilarbeiter Österreichs. Von 1928 bis 1938 ist sie das erste weibliche Mitglied im Jugendbeirat der Arbeiterkammer Wien.

1930 schreibt sie im von der Frauenreferentin der Arbeiterkammer veröffentlichen Handbuch der Frauenarbeit einen Beitrag zum Thema "Frauenarbeit und christliche Gewerkschaften": Frauenarbeit sei aus der modernen Produktion nicht mehr wegzudenken, allerdings sah sie in der verheirateten Fabriksarbeiterin auch "eine Gefahr für das ganze Volk". Sie würde die volle Entfaltung der Mütterlichkeit hindern. Um die Notwendigkeit, dass Frauen arbeiten, einzuschränken, wären jedoch die Löhne der Männer zu erhöhen.

Weltanschaulich orientiert sich Rehor an den päpstlichen Sozialenzykliken "Rerum Novarum" (Leo XIII., 1891) und "Quadragesimo Anno" (Pius XI., 1931), die eine Überwindung des Klassenkampfs anstrebten. In der Praxis tritt die junge Christgewerkschafterin als radikale Antikapitalistin in Erscheinung.

Doch während der christliche Arbeiterführer Leopold Kunschak (1871-1953) oder der spätere Kanzler Josef Klaus (1910-2001) auf der Welle des radikalen Antisemitismus der 1930er-Jahre mitschwimmen, bleiben Grete Rehor und ihr Mann Karl auf Distanz. "Hat man die Gelegenheit, die Arbeiterschaft eines Textilbetriebes nach Betriebsschluß oder zu Beginn ziehen zu sehen, so kann man sich bei diesem Anblick des Gefühles nicht erwehren, daß hier an einer Gruppe von Menschen ein Verbrechen begangen wird," schreibt Rehor 1932 in der Zeitschrift "Der christliche Textilarbeiter." Zeilen wie diese, verfasst am Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, bringen der tiefgläubigen Katholikin den Spitznamen "schwarze Kommunistin" ein.

Der Feind

Während die Christlichsoziale Partei mit den faschistischen Heimwehren an der Demontage der Sozialdemokratie arbeitete, kooperiert die junge Generation beider Lager in der Arbeiterkammer. Gemeinsames Ziel: der Kampf gegen das soziale Elend. Allerdings bekennt sich auch die christliche Arbeiterbewegung zur Dollfuß/Schuschnigg-Diktatur. So hat Karl Rehor bereits im Frühsommer 1932 ein Programm für die Partei mit ausgearbeitet, das eine "ständische" und "völkische" Gesellschaftsordnung proklamiert. Dennoch arbeitet das Ehepaar Rehor zusammen mit dem christlichen Arbeiterführer und bis 1936 dritten Bürgermeister Wiens, Ernst Karl Winter (1895-1959), nach den Februarkämpfen 1934 an einer Aussöhnung mit der Sozialdemokratie. Denn die christliche Arbeiterbewegung und die illegale Sozialdemokratie haben einen gemeinsamen Feind: den Nationalsozialismus. 1938 werden auch die christlichen Gewerkschafter in Konzentrationslager deportiert. Unter ihnen: Karl Rehor. 1940 wird er "zur Bewährung" in die Wehrmacht eingezogen und fällt 1943 in Stalingrad. Grete Rehor zieht ihre gemeinsame Tochter alleine groß. 1939 nimmt sie regelmäßig an illegalen Treffen von Christgewerkschaftern teil, in denen es vor allem um die Versorgung der Familien von Inhaftierten ging.

Erste Bundesministerin Österreichs

1945 kehrt Grete Rehor nicht nur in die Textilgewerkschaft und in die Arbeiterkammer zurück, sie übernimmt auch das Frauenreferat des ÖGB und wird 1948 Obmannstellvertreterin des Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbunds (ÖAAB). Als Rehor ein Jahr später in den Nationalrat gewählt wird, setzt sie ihren Kampf für die Rechte der ArbeitnehmerInnen auf parlamentarischer Ebene fort. Auch Politik für Frauen wird zunehmend zu einem Schwerpunkt. Obwohl selbst allein erziehende Witwe und berufstätig, ist Rehor der Meinung, dass "vom Standpunkt der Familie und vom Standpunkt der Kinder her gesehen der beste Platz für die verheiratete Frau und Mutter zu Hause und in der Familie ist." Ihr Familienideal ist der Motor für zahlreiche frauenpolitische Initiativen im Parlament.

Rehors Kalkül: Höhere Löhne für Frauen würden die Nachfrage der Wirtschaft nach weiblichen Arbeitskräften radikal senken und damit die Frauen dorthin katapultieren, wo sie es ihrer Meinung nach am besten haben: zu Hause. Doch in der Praxis fördern die Rehor`schen Initiativen die weibliche Erwerbsarbeit eher, als sie diese bremsen. Die Löhne für Heimarbeit werden gesetzlich erhöht, der Mutterschutz verbessert, und Rehor fordert wiederholt "gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit."

1949 wird sie von der ÖVP als erste Frau für den größten Wahlbezirk Wiens - Wien-West - nominiert. Bis 1970 bleibt sie Nationalratsabgeordnete. Nach den Wahlen 1966 kommt es zwischen der ÖVP und der SPÖ zu keiner Koalition. Die SPÖ hatte massiv Stimmen verloren, wohl die Nachwehen des 1964 bekannt gewordenen "Fall Olah" Er hatte mit Gewerkschaftsgeldern die Kronen-Zeitung und die FPÖ unterstützt. Die ÖVP-Alleinregierung nominiert erstmals eine Frau: Grete Rehor als erste Bundesministerin. (Davor arbeitete nur eine Frau in der Regierung: in der provisorischen Regierung Renner amtierte die Kommunistin Helene Postranecky als Unterstaatssekretärin für Volksernährung vom 27. April bis zum 20. Dezember 1945). "Sensationelle Pläne für die Regierung: zum ersten Mal sollen auch Frauen im Kabinett sitzen", meldet die Kronen-Zeitung am 16. März 1966. Ein Boulevardblatt sorgt sich um das Sozialministerium: "eine totale Weiberherrschaft im Sozialministerium würde vielleicht doch nicht die ungeteilte Zustimmung der Öffentlichkeit finden."

Sozialgesetzgebung

Sie engagiert sich für das Arbeitsmarktsförderungsgesetz, das Hausbesorgergesetz und das Lebensmittelgesetz. Unter Rehor steigt das Sozialbudget von 1965 bis 1970 um 66 % (von 9,7 Millarden Schilling auf 16 Milliarden Schilling), die Steigerung der Pensionen beträgt fast 39 %. Insgesamt werden mehr als hundert Sozialgesetze während ihrer Amtszeit verabschiedet, dies bringt ihr den Spitznamen "schwarze Kommunistin" ein. 1966 richtet sie im Sozialministerium eine eigene Frauenabteilung ein, um die berufliche Stellung der Frau gezielt zu verbessern. In den ersten Interviews, nachdem sie Bundesministerin geworden war, drehen sich hauptsächlich um die Fragen, wie sie es den schaffe, Ministeramt und Haushalt unter einen Hut zu bringen.

Nach der Wahlniederlage 1970 endete ihre Tätigkeit als Sozialministerin. 1980 dankte Anton Benya ihr in einer Festschrift "für ihre verständnisvolle, den sozialen Fortschritt berücksichtigende Zusammenarbeit als Sozialministerin mit den Gewerkschaften und für ihre engagierte jahrzehntelange gewerkschaftliche Tätigkeit."

Sie stirbt am 28. Januar 1987.

Im Grete-Rehor-Park wurde anlässlich des Woman’s Day (8. März 1999) Zonta-Rosen gepflanzt. Diese gelbe Rose für Zusammenhalt und Freundschaft steht.

Denkmal im Park: Franz Xaver Gabelsberger: (1789-1849)

Er entwickelte die "Redezeichenkunst" oder "deutsche kursive Kurzschrift". Anfang des 20. Jahrhunderts verwendeten rund vier Millionen Menschen in Deutschland und Österreich die kursiv und durchgängig zu schreibende Kurzzeichensystem. Es ist eines der Vorläufersysteme der "Deutschen Einheitskurzschrift".

Quellen: Maria Hampel-Fuchs, Herbert Kohlmaier, Alois Moik, Festschrift für Grete Rehor, Eigenverlag des Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbundes, 1980

Peter Autengruber, Parks und Gärten in Wien, Wien 2008

Klemens Kapps, Vergessene Pionierin in: Datum, Heft 03/06 (abgerufen am 08.05.2015)


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von ÖGB

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