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Treffpunkt der Bäcker

Neubaugasse 64
1070 Wien

Ab 1895 traf sich hier der Fachverein der Bäcker, eine der vielen Vorläuferorganisationen der heutigen Produktionsgewerkschaft (PRO-GE). Die Bäcker hatten bereits 1801 in Salzburg einen der ersten Streiks organisiert und gegen die staatlich befohlene Sonntagsarbeit protestiert. Es sollten noch viele Arbeitskämpfe folgen, bis 1900 die ersten Kollektivverträge abgeschlossen wurden. 1919 gründeten mehrere Vereine den „Zentralverband der Lebens- und Genußmittelarbeiter“.

Einer der Sekretäre, Karl Mantler (1890-1965), war nach dem Verbot der Gewerkschaften ab 1935 Obmann des illegalen Bundes der Freien Gewerkschaften. Mantler und andere illegale Gewerkschafter boten Bundeskanzler Kurt Schuschnigg (1899-1977) die Hilfe der illegalen Gewerkschaften im Kampf gegen die Nationalsozialisten an – doch ohne Erfolg. Nach fast sechs Jahren Konzentrationslager wurde Mantler nach 1945 Vorsitzender der LebensmittelarbeiterInnen und Präsident der AK Wien.

Bäckerjungen

Die "Bäckerjungen" um 1800 waren keine Kinder, sondern hart arbeitende Männer, der Name steht eher für die fehlende Anerkennung des Berufes in der Gesellschaft, und es war eine recht kämpferische Berufsgruppe: Die Truppen der französischen Revolutionsarmee ziehen aus Salzburg ab, in der Stadt herrscht Hunger. Die Lebensmittel sind knapp und daher teuer. Die Beamten der Statthalterei befehlen, dass mehr Brot gebacken werden muss. Doch die Mehrarbeit der Bäcker sollte nicht abgegolten werden. Die "Bäckerjungen" wehren sich gegen die Einführung der Nacht- und Sonntagsarbeitszeit. Das Militär und die Gerichtsdiener verhaften die "Widerständigen", stellen vor jedem Bäckerhaus Wachen auf und drohen den Bäckermeistern mit dem "Niederschießen", sollten sie ihr Haus verlassen. Immer mehr Zünfte schließen sich dem Streik an und fordern die Reduzierung der Arbeitszeiten und die Freilassung der inhaftierten Bäckerjungen.

Schließlich erlässt die Statthalterschaft einen Befehl, jene, die als Strafe über die Grenze von Salzburg gebracht wurden, zurückzubringen. An den Arbeitsbedingungen hingegen ändert sich wenig.

Erste Vereine

1862 gründen die Wiener Konditorengehilfen einen Unterstützungsverein, 1867/68 wird als einer der ersten Vereine der Zentralverein der Bäcker Wiens "Selbstkraft" gegründet und zählt bald 700 Mitglieder: Ziele sind: Verbesserung der Lage der Bäckergehilfen, die Selbstverwaltung der Gehilfenkasse, eine funktionierende Arbeitsvermittlung und Arbeitszeitbegrenzung. Die Bäcker gehören den "Selbsthilflern" an, die ohne Staatshilfe Spar- und Konsumvereine sowie Produktionsgenossenschaften gründen und die sozialen Probleme durch genossenschaftliche Selbsthilfe lösen wollen. Sie lehnen parteipolitische Tätigkeiten ab. Ihnen gegenüber stehen die "Staatshilfler" (Ferdinand Lassalle), die das Eingreifen des Staates zum Schutz der Arbeiterschaft fordern.

Im März 1882 wird der Fachverein der Bäcker gegründet, nach zehn Monaten ist schon jeder zweiter Bäcker Mitglied. Der Fachverein zeigt die schlechten hygienischen Verhältnisse auf - so verstarben 44,6 Prozent der Bäckereiarbeiter 1897 an Tuberkulose, weil sie in feuchten oft unterirdischen Räumen arbeiteten, auf verschmutzen Stroh in den Backstuben ohne Ventilation schliefen, schlechte Kost erhielten - und die bis zu 18 Stunden lange Arbeitstage sowie die schlechte Bezahlung. 1883 wollen die Bäckereiarbeiter dem Vorsteher der Genossenschaftskanzlei ihre Forderungen übergeben. Doch er ist nicht in seinem Büro am Salzgries. Aus Zorn randalieren die Bäckerarbeiter, und die "Bäckerschlacht am Salzgries" bricht aus, gefolgt von einem 14tägigen Streik, der vom Militär niedergeschlagen wird.

1888 lösen die Behörden den Verein auf. Der Grund: sie hatten statistische Erhebungen über die Arbeitsverhältnisse der Bäckergehilfen gemacht. Dennoch können noch während der Monarchie die schlechten Arbeitsverhältnisse verbessert werden. Es wird das Nachtarbeitsverbot für Bäckerlehrlinge eingeführt, Bäckergehilfen erhalten eine Lohnerhöhung, und die Arbeitszeiten werden reduziert. Und 1900 wird der erste Kollektivvertrag für BäckerInnen unterschrieben. Die Bäcker hatten ihren Forderungen durch Streiks Nachdruck verliehen.

Schwarze Listen

Der Staat versucht trotzdem, durch Verhaftungen und Verurteilungen die gewerkschaftliche Arbeit zu unterbinden, doch es ist nicht mehr möglich, die Gewerkschaften zu verbieten. Aber nicht nur die Beamten der Monarchie sondern auch die Unternehmer kämpfen gegen die solidarische Organisation der ArbeiterInnen. Die Arbeitgeber führen sogenannte "Schwarze Listen", auf denen die Namen der ArbeiterInnen stehen, die sich am Arbeitskampf beteiligen. Sie entwickeln sogar geheime Zeichen, die sie in Arbeits- und Dienstzeugnissen einfügen, um zukünftigen ArbeitergeberInnen mitzuteilen, dass sich der Stellenbewerber gewerkschaftlich organisiert. 1905 bringen Bäckergehilfen, deren Namen auf der Liste der "Schwarzbäcker" steht, bei Gericht eine Klage auf Schadenersatz ein. Die Klage wird mehrfach abgewiesen. Doch der Oberste Gerichtshof erlässt schließlich ein Urteil, das den Klagenden Recht gibt. Somit haben die Gewerkschaften ein wichtiges Dokument, um die "Schwarzen Listen" zu bekämpfen.

Illegale Gewerkschafter

Ab 1914 schließen sich viele Verbände und Vereine, wie die der Zuckerbäcker, der Mühlenarbeiter, der Brauer u.a. zusammen, und 1919 wird der Zentralverband der Lebens- und Genussmittelarbeiter gegründet. Ihnen schließen sich in den folgenden Jahren der Land- und Fortsarbeiterverband, die ArbeiterInnen der Kaffeemittelfabriken, der Konservenerzeugung, der Eisfabriken, der Suppen- und Stärkeindustrie, der Molkereien, der Zuckerwarenerzeuger, der Fleischer, u.a. mehr an. In der Ersten Republik werden unter Sozialminister Ferdinand Hanusch viele Verbesserungen der Arbeitssituation und die soziale Absicherung der ArbeiterInnen gesetzlich verankert. Doch die gewerkschaftliche Arbeit wird am 12. Februar 1934 vom Ständestaat stark eingeschränkt. Die Freien Gewerkschaften werden verboten, ihr Vermögen wird eingezogen.

Die GewerkschafterInnen arbeiten im Untergrund weiter, und 1935/36 vereinigen sie sich zum illegalen Bund der Freien Gewerkschaften, dessen Obmann Karl Mantler wird.

Ein Treffpunkt für die Gewerkschafter ist das Kellerlokal "Cafe Meteor", im gleichen Haus wohnt Mantler. Besonders in den ersten Märztagen 1938 wird unter den Gewerkschaftern heftig diskutiert: soll man das austrofaschistische Regime unterstützen, um sich so gegen die drohende Gefahr Adolf Hitlers zu wappnen? Und was sollte man für die Unterstützung einfordern?

Am 9. März 1938 tagt die illegale Gewerkschaftsleitung wieder: es nehmen das Zentralkomitee der Revolutionären Sozialisten, führende Funktionäre der ehemaligen SDAP, Vertreter der KPÖ und Abgesandte aus den Betrieben und Bezirken teil. Am späten Nachmittag des 11. März wird jedoch klar, dass der Aufbau einer Abwehrorganisation gegen die Nationalsozialisten sinnlos geworden ist. Hitler hatte schon die "Militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich" unterschrieben, und am Morgen des 12. März marschierten 65.000 Soldaten der Wehrmacht und Polizisten in Österreich ein.

PRO-GE

Nach Kriegsende und der Gründung des überparteilichen Gewerkschaftsbundes wird Mantler Obmann der Gewerkschaft der Lebens- und Genussmittelarbeiter (LUGA). Immer mehr Verbände schließen sich der LUGA an: die Salinenarbeiter (1946), die FuhrparkmitarbeiterInnen der Lebens- und Genussmittelerzeugung, u.a. 2009 vereinigt sich die LUGA mit der Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung und der Chemiearbeiter zur Produktionsgewerkschaft (PRO-GE).

Gegenüber (Neubaugasse 65) war der erste Redaktionssitz der Zeitschrift "Die Gewerkschaft".

Quelle: Arbeit & Wirtschaft 2011, Heft 1

Heinrich Volkmann, Der Kampf um das tägliche Brot: Nahrungsmittel, Versorgungspolitik und Protest, 1770-1990, Westdeutscher Verlag, 1994

Brigitte Pellar, Geschichte "Nicht ohne uns", Mohl Verlag, 1992

Lehrbuch Neuzeit, Verlag Ferdinand Hirt

Der Kampf: Sozialdemokratische Monatsschrift, Wien 1908

Mnemopol: Projekt Uni Wien: Anarchistisch-Sozialistischer Terrorismus


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