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Justizpalast

Schmerlingplatz 11
1010 Wien

Bei der Protestdemonstration gegen den Freispruch der „Schattendorf-Mörder“ (s. Station 11) am 15. Juli 1927 eskalierte durch den Einsatz der berittenen Polizei die Situation, und der Justizpalast wurde angezündet. Das anschließende Massaker nach einem Schießbefehl der Regierung forderte 89 Tote, davon waren 85 DemonstrantInnen und PassantInnen.

Vorgeschichte zum Justizpalastbrand

Die junge Republik kämpft mit den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs. Die Inflation steigt stetig an. Die Wirtschaft schwächelt, unzählige Menschen sind arbeitslos. 1922 verhandelt die Regierung Seipel mit dem Völkerbund. Diese gewährt eine Völkerbundanleihe ("Genfer Sanierung"), allerdings unter harten Auflagen: das Anschlussverbot an Deutschland wird bekräftigt, die Finanzen stehen unter ausländischer Kontrolle, und ein rigoroses Sparprogramm wird umgesetzt. Dies führt direkt zum Abbau des gerade erst entstehenden Sozialnetzes. Als Folge steigen die indirekten Steuern an, und das führt zu Verteuerungen der Lebenshaltungskosten. Gleichzeitig werden die Löhne gekürzt, und viele der Arbeiter leiden unter den finanziellen Einbußen, auch verursacht durch Kurzarbeit.

"Frontkämpfervereinigung"

1920 gründet der Tiroler christlichsoziale Landtagsabgeordnete Richard Steidle den ersten "Heimwehrverband". Bald werden in anderen Bundesländern ähnliche Verbände gegründet, und 1927 schließen sie sich in den "Bund alpenländischer Selbstschutzverbände" zusammen. Industrielle unterstützen sie finanziell, und sie werden mit Waffen aus den k.u.k. Restbeständen ausgerüstet. Im März 1921 beschließen die Industriellen der Steiermark, dass sie jährlich mehrere Millionen Kronen aufbringen werden, um die Heimwehr der Steiermark zu unterstützen.

Rechte monarchistische Gruppen (gesammelt in der "Ostara"), Nationalsozialisten ("Deutsche Wehr") und die rechtsradikale Frontkämpfervereinigung entstehen.Die Frontkämpfervereinigung ist in Ostösterreich vertreten, antisemitisch, antimarxistisch und als Spezifikum im Burgenland pro-ungarisch ausgerichtet. Dieser Entwicklung begegnen die Sozialdemokraten mit der Einrichtung einer Arbeiterwehr, ab Mai 1924 "Republikanischer Schutzbund", um als Ordnerorganisation und zur Verteidigung der Republik unter der militärische Leitung von General Dr. Theodor Körner aufzutreten. Der Obmann, Dr. Julius Deutsch, definiert das Ziel: "Die Arbeiterbewegung will den Weg zum Sozialismus friedlich zurücklegen. Die Ordnerorganisation soll dazu beitragen, dass dieser Weg von den faschistischen Wegelagerern freigehalten wird."

Gewerkschaften

Die Gewerkschaften versuchen, die Senkung der Reallöhne zu verhindern, es gelingt kaum. Die 57 Freien Gewerkschaften treten ihren Verhandlungspartnern einzeln gegenüber. Sie organisieren immer wieder Streiks und Massenkundgebungen gegen Lohnabbau und Arbeitslosigkeit. 1924 streiken die rund 24.000 Angestellten der vier großen Bankinstitute. Sie sind erfolgreich. Nach drei Wochen ist eine Lohnerhöhung erkämpft. Im September 1924 streiken rund 110.000 Metallarbeiter, sie erreichen eine Lohnverbesserung: die Mindestlöhne werden um 20 Prozent, die übrigen Löhne um 10 Prozent angehoben. Im November 1924 streiken die Eisenbahner. Aber in den Unternehmen kursieren die ersten "schwarzen Listen" mit den Namen von aktiven Gewerkschaftsmitgliedern und die machen es ihnen fast unmöglich, Jobs zu finden.

Anfang 1926 erschüttert eine weitere Bankenkrise die Republik. Gleichzeitig ersetzen immer mehr Maschinen die Arbeiterinnen, und die Landwirtschaft kann den Inlandsbedarf nicht mehr decken. ArbeiterInnen werden in die Kurzarbeit samt Lohnkürzungen geschickt, oder sie verlieren ihre Arbeit. In der Bevölkerung steigt der Unmut, und er entlädt sich sich nach dem "Schandurteil" von Schattendorf am 15. Juli 1927.

Schattendorf: Im Januar 1927 erschießen bei einem Aufmarsch des Republikanischen Schutzbundes in Schattendorf (Burgenland) drei Mitglieder der Frontkämpfervereinigung einen Kriegsinvaliden und den achtjährigen Sohn eines freigewerkschaftlichen Eisenbahners. Am Tag des Begräbnisses, am 2. Februar 1927, findet in ganz Österreich ein vierstündiger Generalstreik statt.

Am 5. Juli 1927 beginnt der Prozess gegen die drei Frontkämpfer, mehr als 100 Zeugen sind vorgeladen, und es werden 42 Zeugenaussagen verlesen, Sachverständige gehört, die Angeklagten verhört. Am 14. Juli 1927 um neun Uhr abends fällen die Geschworenen ein Urteil: Die drei Männer werden von allen Anklagepunkten freigesprochen. Die Nachricht verbreitet sich rasch in ganz Wien. Empörung und spontane Betriebsversammlungen folgen.

Eine Abordnung der Arbeiter der Wiener Elektrizitätswerke trifft sich mit dem Chefredakteur der Arbeiterzeitung, Friedrich Austerlitz und kehrt später ins Elektrizitätswerk in der Mariannengasse zurück. Es folgt eine wilde Debatte, aber am Ende steht fest: Streik! Um sechs Uhr in der Früh treffen sich die Arbeiter in der Zentrale der Elektrizitätswerke und halten eine Kundgebung ab. Um acht Uhr morgens des 15. Juli sperren sie den Strom und das Gas ab: Das Signal für einen Generalstreik. Die ersten Kolonnen marschieren von der Mariannengasse weg in Richtung Parlament.

ArbeiterInnen legen die Arbeit nieder und ziehen zur Ringstraße. Weder die Gewerkschaft noch die Sozialdemokratie geben zentrale Weisungen, und die "Spontanität" der ArbeiterInnen erweist sich als gefährlich. Die Gewerkschaft kann noch einige "Hitzköpfe" besänftigen, doch als 200 Mann berittene Sicherheitswache in die Menge stürmt, können die Gewerkschafter nicht verhindern, dass die Menschen in das Parlamentsviertel flüchten, sich mit Eisenstangen, Steinen und Holzlatten bewaffnen, das Wachzimmer in der Lichtenfelsgasse anzünden und zu Mittag in den Justizpalast eindringen und ein Feuer legen. Eine Stunde später steht das Gebäude voll in Flammen.

89 Menschen sterben im Kugelhagel der Polizei und über 1.000 werden verletzt, zum Teil schwer. Ruhe kehrt ein. Die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften organisierten eine Stadtwache. Aber der Weg zum Bürgerkrieg 1934 und zur Diktatur ist geebnet.

Das Gebäude

In der Aula des Gebäudes befindet sich eine Gedenktafel mit der Aufschrift: "Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Republikanischen Schutzbundes und der Frontkämpfervereinigung im burgenländischen Ort Schattendorf am 30. Jänner 1927 wurden zwei unschuldige Menschen getötet. Die Täter wurden freigesprochen. Im Zuge einer gewaltsamen Demonstration gegen dieses Urteil wurde der Justizpalast in Brand gesetzt. Die Polizei erhielt Schießbefehl, und 89 Personen kamen ums Leben. Die schrecklichen Ereignisse dieser Zeit, die schließlich im Bürgerkrieg des Jahres 1934 mündeten, sollen für alle Zeiten Mahnung sein."

Zum Gebäude: Der Wiener Justizpalast wurde in den Jahren 1875-1881 erbaut und war bis 1918 "Kassationshof" und Sitz anderer Gerichtsbehörden. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Justizpalast größtenteils zerstört. Nach dem Wiederaufbau mit zusätzlichen Stockwerk war hier von 1945-1955 der Sitz der Interalliierten Kommandantur Wiens untergebracht, dann zog das Justizministerium ein. Heute befindet sich hier der Oberste Gerichtshof und die Generalprokuratur sowie das Oberlandesgericht Wien.

Quelle: Josef Fiala, Die Februarkämpfe 1934 in Meidling und Liesing. Ein Bürgerkrieg der keiner war, Dissertation, Universität Wien, 2012

Nicole Smrzek, Der Vorfall in Schattendorf am 30.01.1927 und seine Folgen, Magisterarbeit, Universität Wien, 2009

Markus Benesch, Die Geschichte der Wiener christlichsozialen Partei zwischen dem Ende der Monarchie und dem Beginn des Ständestaates, Dissertation, Universität Wien, 2010

Sigrid Augeneder, Wolfgang Maderthaner, Reinhard Mittersteiner, Metallerleben "100 Jahre Gewerkschaft Metall-Bergbau-Energie," Wien, 1990


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