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Volkstheater

Neustiftgasse 1
1070 Wien

Schriftsteller, Schauspieler und Industrielle gründeten 1887 den Verein „Deutsches Volkstheater“ mit dem Ziel, ein Theater abseits von „schlüpfriger Operettenkost“ und als Gegenpol zu den Staatstheatern für die „geistige Erholung“ der BürgerInnen zu errichten. 1889 wurde das Deutsche Volkstheater eröffnet. Ab 1895 führte man Donnerstags- und Sonntagnachmittagsvorstellungen speziell für ArbeiterInnen ein.

Gleich nach dem Anschluss 1938 wurden alle jüdischen MitarbeiterInnen entlassen, das Gebäude von den Nationalsozialisten enteignet und in ein „Kraft durch Freude“-Theater umgewandelt.

Nach Kriegsende wurde die Spielstätte von einem öffentlichen Verwalter geführt und ab 1948 von der Volkstheater Ges.m.b.H. (Geschäftsführer waren Gewerkschafter) gepachtet. ÖGB-Bildungssekretär Franz Senghofer (1904-1998) gründete 1948 die Volkstheatergemeinde, die allen Mitgliedern vergünstigte Kartenpreise bot.

In den 1950er-Jahren fanden im Volkstheater mehrere gewerkschaftliche Kundgebungen zur Verbesserung der ArbeiterInnenrechte der Kunstschaffenden, WissenschafterInnen und PrivatlehrerInnen statt. 1954 gründeten AK-Präsident Karl Mantler und Franz Senghofer das „Volkstheater in den Außenbezirken“, um ArbeiterInnen das Theater in ihre Nachbarschaft zu bringen. Es existiert bis heute.

In den 1980er-Jahren wurde das Theater renoviert, und seit 2000 gehört es einer Privatstiftung.

Gründung des Volkstheaters

Schriftsteller, Schauspieler und Industrielle gründeten 1887 den Verein "Deutsches Volkstheater" mit dem Ziel, ein Theater abseits von "schlüpfriger Operettenkost" und als Gegenpol zu den Staatstheatern für die "geistige Erholung" der BürgerInnen zu errichten und durch günstige Kartenpreise auch ArbeiterInnen Zugang zu Kultur zu ermöglichen. Am 14. September 1889 eröffnet das Haus mit Ludwig Anzengrubers Stück: "Der Fleck auf der Ehr". Innerhalb kürzester Zeit sehen bis zu 8.000 BesucherInnen pro Woche Aufführungen im Volkstheater. Speziell für einkommensschwache Gruppen, Studenten und ArbeiterInnen gibt es an Donnerstagen und Sonntag Nachmittagen Vorstellungen zu nochmals reduzierten Kartenpreisen. Diese Sonderaufführungen gelten damals als revolutionär und als kultursoziologische Errungenschaft.

Selbst während des Ersten Weltkriegs ist das Theater gut ausgelastet. Man spielt allerdings nur mehr an Nachmittagen, es gab keinen Strom. Nach Ende des Ersten Weltkriegs zeigt das Volkstheater schon während der Direktionszeit von Alfred Bernau (1879-1950) spektakuläre und "moralisch bedenkliche Stücke" und wird zur Heimstätte des "erregenden, dichterischen Theaters." Bernaus Nachfolger Rudolf Beer (1885-1938) gründet eine Theatergemeinde mit dem Ziel, allen Zugang zum Theater zu ermöglichen. Er arbeitet eng mit der sozialdemokratischen Kunststelle zusammen, durch die über 85.000 Karten verkauft werden. Dadurch kann die Aufführung von literarisch hochwertigen Stücken, die damals noch weniger Publikum fanden, finanziert werden.

Beer verlässt 1932 das Volkstheater auf eigenen Wunsch, um die Nachfolge von Max Reinhardt in Berlin anzutreten, muss aber nach Inkrafttreten der „Nürnberger Rassegesetze“ - Beer galt als "jüdischer Mischling" - Berlin wieder verlassen. Er kehrt nach Wien zurück und arbeitet u.a. im Scala. 1938 wird er verhaftet, schwer misshandelt und wieder freigelassen. Um einer neuerlichen Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen, begeht er am 9. Mai 1938 Selbstmord.

Rolf Jahn (1898-1968) übernimmt 1932 das "Deutsche Volkstheater" und biedert sich zuerst dem Ständestaat und schon im Februar 1938 den Nationalsozialisten an. Er versichert dem deutschen Botschafter Franz von Papen, dass er "sein Theater" nach dem nationalsozialistischen Gedankengut umorganisiert werde. Nach dem "Anschluss" bekennt er sich "leidenschaftlich zum Führer" und entlässt alle jüdischen und "politisch nicht haltbaren" MitarbeiterInnen. Trotzdem wird auch Jahn gekündigt und Bruno Iltz (1896-1965) als Direktor eingesetzt. Der Besitzer des Theaters, der Verein "Deutsches Volkstheater“", wird von den Nationalsozialisten aufgelöst, das Vermögen eingezogen, und die "Deutsche Arbeiterfront" übernimmt das Theater. Die nationalsozialistische Organisation verteilt Billigkarten, um einen Massenbesuch zu garantieren und ruiniert dadurch den guten Ruf des Hauses.

Während der Kampfhandlungen im Zweiten Weltkrieg treffen Bomben das Theater. Sofort nach Kriegsende beginnen die ehemaligen MitarbeiterInnen des Theaters, "ihr Haus" wieder aufzubauen. Berühmte Schauspielerinnen wie Dorothea Neff schieben Schubkarren voller Schutt aus dem Foyer. Das nötige Kapital zur Renovierung stammt von den Theaterleuten selbst. Am 10. Mai 1945 eröffnet das Ensemble eigenständig das Volkstheater mit Max Freys Stück "Katakomben“ wieder. Kurz darauf wird Rolf Jahn wieder als Direktor eingesetzt. Doch seine NS-Vergangenheit holt ihn schnell ein, und er wird entlassen.

Volkstheater und ÖGB

Nach Kriegsende werde die Spielstätte von einem öffentlichen Verwalter geführt und ab 1948 das Volkstheater von der Volkstheater Ges.m.b.H. (Geschäftsführer waren Gewerkschafter) gepachtet. In den 1950er-Jahren finden im Volkstheater mehrere gewerkschaftliche Kundgebungen zur Verbesserung der ArbeiterInnenrechte der Kunstschaffenden, WissenschafterInnen und PrivatlehrerInnen statt. In den 1980er-Jahren wird das Theater renoviert, und seit 2000 gehört es einer Privatstiftung.

Volkstheatergemeinde

Im Sommer 1948 kündigt der ÖGB-Bildungsbeauftragte Franz Senghofer (1904-1998) an, gemeinsam mit der Arbeiterkammer den Verein der Volkstheaterfreunde zu gründen. Jedes Mitglied des Vereins der Volkstheatergemeinde soll eine 50%ige Ermäßigung auf die geltenden Theaterkartenpreise erhalten. Nach nur zwei Monaten hat die Volkstheatergemeinde bereits 12.695 Mitglieder und 1952/53 bereits 23.780 Mitglieder.

Senghofer schlägt auch Anfang der 1950er-Jahre dem AK-Präsidenten Karl Mantler (1886-1965) einen „kühnen Schritt in der Theaterpolitik“ vor: "„Wir bringen das Volkstheater zu den Arbeitern in die äußeren Bezirke." Am 5. Jänner 1954 findet die erste Vorstellung in Stadlau statt. Es wird ein Erfolg. Noch bis heute spielt das Volkstheater in Arbeiterheimen, Volkshochschulen und in Häusern der Begegnung in den Außenbezirken.

Gedenktafel und Statue:
Rudolf Beer (1885-1938) war von 1924 bis 1932 Direktor des Volkstheaters. Er wollte allen Zugang zum Theater ermöglichen, gründete eine Theatergemeinde und arbeitete eng mit der sozialdemokratischen Kunststelle zusammen. 1938 wurde er von den Nationalsozialisten verhaftet, schwer misshandelt und im Wienerwald aus dem Auto geworfen. Als er neuerlich verhaftet werden sollte, beging Beer Selbstmord. 

Am Weg entlang der Museumstraße:

Ecke Neustiftgasse Museumstraße: Denkmal: des österreichischen Dramatikers Ferdinand Raimund (1790-1836). Nach ihm ist das Raimundtheater benannt worden. Das Denkmal wurde am 1. Juni 1898 enthüllt. Raimund sitzt in Biedermeierkleidung auf einer Bank. Über ihm steht die Fee der Phantasie aus einem seiner Stücke. Ursprünglich hatte sie einen Zauberstab in der rechten Hand, doch der ist abhanden gekommen.

Museumstraße Nr. 7: ist das Palais Trautson: der Sitz des Justizministeriums. Ursprünglich stand hier ein Haus umgeben von Weingärten. 1712 wurde das Palais von Fürst Trautson errichtet und zählt heute zu einem der wichtigsten barocken Bauwerken Wiens. 1760 kaufte es Kaiserin Maria Theresia. 1918 gehörte das Gebäude dem ungarischen Staat, dieser verkaufte es Anfang der 1960er-Jahre an die Republik Österreich.

Im Weghuberpark (benannt nach dem Kaffeesieder Albert Weghuber)  ist auch die Analemmatische Sonnenuhr, ein Erinnerungsstein an die „selbstlose Hilfe durch die Wiener Bevölkerung nach der Revolution und dem Freiheitskampf Ungarns 1956 (errichtet 2007) und ein Gedenkstein für den Schauspieler des Wiener Volkstheaters Adolf Lukan (1935-1994).

Quelle: Susanne Gruber-Hauk, Das Wiener Volkstheater zwischen 1889 und 1987 im gesellschaftlichen Kontext, Diplomarbeit, Universität Wien, August 2008

Sabine Schweitzer, Restitution im Bereich des ÖGB nach 1945. In: Brigitte Pellar (Red.), Wissenschaft über Gewerkschaft. Analysen und Perspektiven, Wien

Irene Löwy, Kulturpolitik im Nationalsozialismus von 1938 bis 1945, Diplomarbeit, Universität Wien, November 2010

Elisabeth Brugger/Frank Michael Weber (Hg.), Lessing siegt am Stadtrand. 50 Jahre Volkstheater in den Außenbezirken, Edition Volkshochschule, Wien 2005


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