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Rathaus

Rathausplatz 1
1010 Wien

Bei den Gemeinderatswahlen 1900 errangen die Sozialdemokraten zwei Sitze mit dem Gründer der Drechslergewerkschaft und späteren Bürgermeister Jakob Reumann (1853-1925) und dem sozialdemokratischen Arbeiterführer Franz Schuhmeier (1864-1913). Letzterer wurde 1913 vom Bruder des christlichen Gewerkschafters Leopold Kunschak erschossen.

In der Volkshalle des Rathauses fanden unzählige Versammlungen statt. 1897 beschlossen hier die Tramway-Bediensteten einen Streik, die Bank- und Sparkassenbeamten (1907), die Angestelltengewerkschaften (1909) und die Angestellten der Stadt Wien (1919) hielten Protestveranstaltungen ab. Sie war Ausgangspunkt von Demonstrationen und Ort von Kundgebungen, wie 1952 die der Bau- und Holzarbeiter gegen die „Kamitz-Sanierung“ (Sparprogramm der Regierung).

Am Rathausplatz finden seit 1922 (mit Unterbrechung durch den Faschismus) die 1.-Mai-Feiern der Wiener Sozialdemokratie statt. Inhaltlicher Schwerpunkt der Aufmärsche in den 1920er-Jahren war die Forderung nach Beibehaltung der sozialen Errungenschaften. In den 1930er-Jahren wurde der Protest gegen den Faschismus zentral. Im Ständestaat und im Nationalsozialismus wurden die Feiern „umgedeutet“.

Am 1. Mai 1945 gab es bereits eine  „Befreiungsfeier“. 1948 fand am Rathausplatz die Abschlusskundgebung des ersten ÖGB-Bundeskongresses statt, 1950 feierte man das Ende des Oktoberstreiks, 1953 die Feier „60 Jahre Gründung der Gewerkschaftskommission“ und 1955 zum Abschluss des 4. Weltkongresses des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften wurde ein großes Festspiel aufgeführt.

1. Mai-Feiern

Am Morgen des 1. Mai 1890, einem Donnerstag, ist es still in Wien. Es fehlt das Geräusch der Arbeiterinnen, die zu ihren Jobs eilen. Die Polizei ist in Bereitschaft. Das Bürgertum und der Adel hat seine Besitztümer in Sicherheit gebracht. Das Geld in Banksafes verschlossen, und die Vorräte sind sicherheitshalber aufgefüllt. Umsonst, den die erste 1.-Mai-Feier in Wien verläuft friedlich. Am Vormittag besuchen die ArbeiterInnen rund 60 Veranstaltungen, und am Nachmittag ziehen fast 100.000 Menschen in den Prater. Sie alle teilen ein Anliegen: Die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages. Dafür riskieren viele ihre Jobs. Noch ist der erste Mai kein gesetzlicher Feiertag.

Trotzdem gehen die ArbeiterInnen auch in den folgenden Jahren jeden ersten Mai auf die Straße. Sie nutzen den Aufmarsch zur Untermauerung ihrer Forderungen, wie das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht. Die Freien Gewerkschaften rufen zu einer "gewaltigen Demonstration" gegen die Kriegshetze- und rüstung vor dem Ersten Weltkrieg auf. Erfolglos.

Nur einen Monat nach der Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich, am 12. November 1918, beschließen die Nationalratsabgeordneten den Achtstundentag. 1919 beschließt die Regierung , den 1. Mai "den Rebellensonntag" - zum gesetzlichen Feiertag zu machen.

Seit 1922 finden die Abschlusskundgebungen der Maifeiern vor dem Rathaus statt: In den 1920er-Jahren demonstrieren die ArbeiterInnen für die Beibehaltung der sozialen Errungenschaften, 1932 zeigen sie ihren Unmut gegenüber den bei den Wahlen im April ins Rathaus gewählten fünfzehn NSDAP-Abgeordneten - auf den Plakaten steht "Gegen die braune Mordpest" - "Hinein in die Arbeiterwehr."

Am 1. Mai 1934 sitzen die Vertreter der Ständestaatdikatur auf der Tribüne vor dem Rathaus: Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, Bürgermeister Richard Schmitz, Sicherheitsminister und Wiener Heimwehrführer Emil Fey und der Heimwehrführer Ernst Rüdiger Starhemberg. Drei Stunden lang warten ihnen die Vertreter der acht Stände auf und schwören auf die eben erst unterzeichnete neue Verfassung. Mehr als zehntausend Menschen feiern abseits des Rathauses im Wienerwald und zeigen so ihren Unmut gegenüber der Ständestaat-Regierung. Im folgenden Jahr feiern die ArbeiterInnen im Geheimen: sie stellen rote Blumen und Lampenschirme auf die Fensterbretter, und in Blitzdemonstrationen werden rote Fahnen gehisst.

Nach dem "Anschluss" 1938 wird am 1. Mai am Heldenplatz ein Maibaum aus dem "Altreich" aufgestellt. Am Rathausplatz wehen Dutzende Hakenkreuzflaggen. Sieben Jahre später, am 1. Mai 1945, finden die "Befreiungsfeiern" im zerbombten Wien statt. Die Abschlusskundgebung findet auf der Hütteldorfer Pfarrwiese statt: der SK Rapid besiegt eine Auswahl der Roten Armee mit 9:5.

Auch andere Siege werden in den folgenden Jahren am 1. Mai am Rathausplatz gefeiert. 1948 beenden die ArbeiterInnen der Schuhindustrie den achtwöchigen Streik und feiern die Durchsetzung der 44-Stunden-Woche. 1949 formen 400 Menschen ein rotes Herz auf weißem Hintergrund vor dem Rathaus. Bis zur Unterzeichnung des Staatsvertrages 1955 fordern die ArbeiterInnen ein Ende der Besatzung. Der 1. Mai 1968 steht unter dem Zeichen des Attentats auf den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke, der Entlassung der Elin-Mitarbeiter und des Vietnam-Krieges. Bei den Maifeiern in den 1970er-Jahren werden die Industrialisierungswelle und die Teuerungen durch den hohen Ölpreis thematisiert, wird der Forderung zur Vernichtung von Waffen Nachdruck verliehen, mehr Mitbestimmung am Arbeitsplatz verlangt, aber auch Wahlkampf für bevorstehenden Bundespräsidentschaftswahlen betrieben. 1981 überschattete der Mord am Wiener Stadtrat Heinz Nittel die Maifeierlichkeiten.

Seit den 1990er-Jahren kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen dem Wirtschaftsbund und den Gewerkschaften über den Feiertag. In seiner Ansprache 1997 sagt der ÖGB-Präsident Benya (1912-2001): "Jeder Beschäftigte hat das Recht auf gerechten Anteil an dem, was er miterwirtschaftet hat! Der Tag der Arbeit ist genau der Tag, an dem sich Arbeitergeber und Wirtschaftsfunktionäre daran zu erinnern haben. (...) Wir treten gegen das Kapital auf, das keine Arbeit schafft! Wir Gewerkschafter setzen uns bei diesem Engagement für jene ein, die Arbeit suchen, für jene, deren Arbeitsplatz gefährdet ist, und für jene, die Arbeit haben!"

Bis 1999 stehen am Vormittag des 1. Mai die öffentlichen Verkehrsmittel still. (Außer in den Jahren des Austrofaschismus und des NS-Regimes). Nach harten Verhandlungen stimmten die StraßenbahnerInnen zu, am Vormittag des 1. Mai zu arbeiten. Dennoch protestierten sie am "Tag der Arbeit": sie blockierten mit Reinigungsfahrzeugen die Schienen und marschierten viel zahlreicher, als in den Jahren zuvor auf dem Rathausplatz ein.

Volkshalle

In der Volkshalle des Rathauses finden schon ab dem späten 19. Jahrhundert unzählige Versammlungen statt, 1897 beschlossen hier die Tramwaybediensteten einen Streik, der allerdings erfolglos war. Die Bank- und Sparkassenbeamten (1907), die Angestelltengewerkschaften (1909), die Angestellten der Stadt Wien (1919) halten Protestveranstaltungen ab. Die Volkshalle ist auch Ausgangspunkt von Demonstrationen und Ort von Kundgebungen, wie 1920 die Demonstration der Gemeindeangestellten, 1922 fordern die Bank- und Sparkassenbeamten den Abschluss eines Kollektivvertrags, und 1952 protestieren die Bau- und Holzarbeiter gegen die "Kamitz-Sanierung." (Sparprogramm der Regierung)

In der Volkshalle finden auch Kongresse statt, wie 1921 der erste österreichische Arbeiterkammertag und 1929 die zweite Internationale Konferenz der Freien Gewerkschaften der Versicherungsangestellten.

ÖGB und der Rathausplatz:

Drei Jahre nach der Gründung des ÖGB im April 1945 findet im Konzerthaus der erste Bundeskongress zwischen 18. Mai und 23. Mai 1948 statt. Die Abschlusskundgebung findet am Rathausplatz statt. 1950 feiern die Regierung und der ÖGB das Ende des "Oktoberstreiks" und 1953 das Fest "60 Jahre Gründung der Gewerkschaftskommission" vom 29. August bis 6. September. 70 Festwagen fahren durch die Stadt. Sie zeigen den Aufstieg der arbeitenden Menschen vom rechtlosen Arbeitssklaven zum freien und gleichberechtigten Arbeiter. Den Abschluss des Gewerkschaftstreffens bildet am 6. September eine Großveranstaltung am Wiener Rathausplatz.

Gewerkschafter im Rathaus:

Bei den Gemeinderatswahlen 1900 erringen die Sozialdemokraten erstmals zwei Sitze. Der spätere Bürgermeister (1919-1923) Jakob Reumann (1853-1925) und der sozialdemokratische Arbeiterführer Franz Schumeier (1864-1913). Letzterer wird 1913 vom Bruder eines christlich-sozialen Gewerkschafters hinterrücks erschossen.

In den folgenden Jahren sitzen viele Gewerkschafter im Gemeinderat und Landtag, u.a. auch der Baugewerkschafter und spätere ÖGB-Präsident Johann Böhm (1886-1959). Er war ab 1927 Gemeinderat; der ehemalige Sekretär der Bauarbeitergewerkschaft Franz Novy (1900-1949) sitzt zwischen 1932 und 1934 im Gemeinderat und nach seiner Rückkehr aus dem Exil wird er ab 1946 als Stadtrat für Bauwesen für den Wiederaufbaus Wien beauftragt; die engagierte Mitarbeiterin der ab 1934 illegalen Gewerkschaftsbewegung, Rudolfine Muhr (1900-1984), die zwischen 1945 und 1949 im Gemeinderat sitzt und von 1959 bis 1963 Frauenzentralsekretärin der SPÖ ist; der Mitbegründer und Präsident des "Zentralvereins der kaufmännischen Angestellten" (1904-1934) Karl Pick (1867-1938) ist von 1918 bis 1919 Mitglied des Gemeinderats; die Vorsitzende des Frauenreichskomitees Amalie Seidel ist von 1918 bis 1923 im Gemeinderat; der ehemalige Vizepräsident des "Reichsvereins der Bank- und Sparkassenbeamten Österreichs" (1907-1911) Hugo Breitner (1873-1946) war ab 1919 amtsführender Stadtrat für Finanzen.

Gedenktafel

Eine Gedenktafel erinnert die Opfer des Nationalsozialismus, darunter sind auch der Organisator der Gewerkschaftsjugend, Mitglied des Wiener Landtages und Gemeinderat von 1918-1934 und Landtagspräsident von 1922-1934 Robert Danneberg (1885-1942), er wurde 1942 im KZ Auschwitz ermordet; der Gründer und Vorsitzende des "Vereins der kaufmännischen Angestellten" und Gemeinderat von 1919-1934 Julius Bermann (geboren 1868, ermordet 1943 im KZ Theresienstad); der Ortgruppenobmann der Metallarbeiter und Initiator des Ausbaus der Arbeiterbüchereien Edmund Reismann (1881-1942) gehörte von 1919-1934 dem Gemeinderat an. Er wurde 1942 im KZ Auschwitz ermordet. Die Gedenktafel wurde 1988 angebracht.

Gebäude und Platz:

Das Wiener Rathaus wurde 1872-1883 von Friedrich Schmidt im Stil des Historismus erbaut. Der Platz vor dem Rathaus war ein Teil des Josefstädter Glacis und diente noch im 19. Jahrhundert als Paradeplatz. Im Rathauspark stehen die Skulpturen des Bürgermeister Karl Seitz, der als junger Lehrer "Elementarkurse für Arbeiter" abhielt und das Denkmal für den Bürgermeister (1945-1951) und Bundespräsidenten (1951-1957) Theodor Körner (1873-1957). An der Ecke Ring/Parlament steht der Porträtkopf des Staatskanzlers (1918-1920), Präsident des Nationalrats (1931-1933) und Bundespräsidenten der Zweiten Republik (1945-1950) Karl Renner (1870-1950) und im nördlichen Teil des Parks die Bronzebüste von Adolf Schärf (1890-1965), Bundespräsident von 1957-1965.

Quellen: Staadtchronik: Geschichten rund um den 1. Mai auf Wien.gv (abgerufen am 08.04.2015)

Norbert Schnurrer, 1. Mai Rebellensonntag auf: renner-institut.at: Geschichte der Sozialdemorkatie (abgerufen am 08.04.2015)

Wolfgang Maderthaner, Michaela Maier (Hg.) Acht Stunden aber wollen wir Menschen sein, edition rot, 2010

Peter Autengruber, Parks und Gärten in Wien, Promedia, 2008

Gerhard Hofer, Die Festivalisierung der Stadt. Am Beispiel des Wiener Rathausplatzes, Diplomarbeit, Uni Wien, 2008

Rathaus auf: dasrotewien.at (abgerufen am 08.04.2015)


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