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Gewerkschaftshaus der Buchdrucker

Seidengasse 15
1070 Wien

Ab 1873 hatten die freigewerkschaftlichen Vorgängerorganisationen der 1945 geschaffenen ÖGB-Gewerkschaft der graphischen und papierverarbeitenden Gewerbe – später Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier (DJP) – hier ihren Sitz. In der Ersten Republik bildeten die freigewerkschaftlichen Organisationen der Bereiche Druck und Papier ab 1923 das „Graphische Zentralkartell“, damit sie bei Lohnverhandlungen nicht gegeneinander ausgespielt werden konnten.

In dieser Zeit engagierten sich der Schrift- setzer und spätere Bundespräsident Franz Jonas (1899-1974) und der Schriftsetzer, spätere Generalsekretär des ÖGB und Sozialminister Anton Proksch (1897-1975) in der Druckerjugend. Nach der Auflösung der Freien Gewerkschaften und dem Verbot ihrer Medien im Februar 1934 koordinierte der Journalist und spätere AK-Pressesprecher  Otto Leichter (1897-1973) die Medienarbeit der illegalen Freien Gewerkschaften.

1938 übernahm die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront das Gebäude und verkaufte es. 1945 erhielt die dann überparteiliche Druckergewerkschaft das Gebäude zurück und nutzte es bis zu ihrer Fusion mit der Gewerkschaft der Privatangestellten zur GPA-djp im Jahr 2007.

Am Gebäude erinnert das Buchdruckerwappen an den ehemaligen Gewerkschaftssitz.

Erste Buchdruckervereine

Schon während der Revolution 1848 wird der "Gutenbergverein der Buchdrucker Wiens" gegründet, und er hat klare Anliegen: Gleichstellung der politischen Rechte der Arbeiter mit anderen Ständen, die Einsetzung eines Arbeitsministeriums, die vollkommen freie Gewerbeberechtigung, die Schaffung von Kranken- und Invalidenkassen mit staatlicher Beihilfe und vor allem die Verkürzung der Arbeitszeit: Lag doch die Durchschnittsarbeitsdauer zwischen 12 und 16 Stunden täglich, auch am Sonntag. Die Buchdrucker und Schriftgießer erkämpfen schließlich einen überregionalen Lohntarif, den 10-Stunden-Tag und arbeitsfreie Sonn- und Feiertage.

In den folgenden Jahren werden viele Vereine gegründet, von der Regierung wieder aufgelöst und schließlich wieder erlaubt: 1851 Unterstützungsverein der Lithographen und Steindrucker, 1859 die Concordia als Vertretung der Journalisten und 1870 der Krankenversicherungsverein der Buchbinder.

Am 1. Mai 1890 marschieren die Buchdrucker mit den ArbeiterInnen zum Rathausplatz, um für den Acht-Stunden-Tag und das allgemeine Wahlrecht zu demonstrieren. Fünfzehn Jahre (1905) später ziehen rund 250.000 Menschen am Parlament vorbei: Schweigend. Die ersten, die an ihre Arbeitsplätze zurückkehren, sind die Buchdrucker. Sie stellen Flugblätter her, um die Bevölkerung zu informieren.

Erst zwei Jahre später unterschreibt Kaiser Franz Joseph das Wahlrechtsgesetz (1907), das Männern erlaubt, bei allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen ihre Stimme abzugeben.

Kriegsdienstleitungsgesetz

Sieben Jahre später ordnet Kaiser Franz Joseph die Mobilmachung der Truppen an (31. Juli 1914). 1.200 Gewerkschaftsmitglieder der Buchdrucker müssen ihre Arbeitsplätze verlassen und in den Ersten Weltkrieg ziehen. Im Juli 1914 wird das 1912 beschlossene Kriegsdienstleistungsgesetz exekutiert, das es ermöglichte, Betriebe zu staatlich geschützten Unternehmungen zu erklären. Man braucht die Produktion zur Versorgung des Heeres und der Bevölkerung. Es herrscht Streikverbot, und das Koalitionsrecht wird eingeschränkt. Doch 1916 berufen die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die Freien Gewerkschaften einen Arbeitertag ein und organisieren eine Beschwerdekommissionen zur Regelung von Lohn- und Arbeitsverhältnissen der Kriegsdienstleistenden.

Die ArbeiterInnen der Druckereien, Zeitungsverlagen und Papierverarbeitung erreichen 1917, manchmal mit Streiks verbunden, bei den Kollektivvertragshandlungen, dass es Schichtarbeiterzuschläge in den Buchdruckereien, die 45-Stunden-Woche für ZeitungsarbeiterInnen, eine Akkordregelung für die BuchbinderInnen und für die PapierarbeiterInnen erstmals einen Kollektivvertrag gibt.

Am 3. November 1918 wird der Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und der Entente unterzeichnet. Die Gewerkschafter machen sich sofort wieder an die Arbeit. Der Schriftsetzer und spätere Bundespräsident Franz Jonas (1899-1974) und der Schriftsetzer, Angestellte der Gewerkschaftskommission (1919) und spätere Generalsekretär des ÖGB (1948-1956) sowie Bundesminister für soziale Verwaltung (1956-1966) Anton Proksch (1897-1975) koordinieren in der Ersten Republik die freigewerkschaftliche Jugend. Die Koalitionsregierung beschließt das von den Gewerkschaften geforderte Betriebsratsgesetz und legt den Grundstein der heutigen Sozialgesetzgebung.

Illegale Gewerkschaftsmedien

Nach den Februarkämpfen 1934 löst die Ständestaatregierung unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß alle sozialdemokratischen Medien und Druckereien auf und lässt ihr Vermögen einziehen. Trotzdem arbeiten Mitglieder der nun illegalen Druck- und Papier-Gewerkschaften in der neuen Staatsgewerkschaft mit. Oppositionelle JournalistInnen hingegen können ab 1934 nur mehr im Ausland publizieren. Wie der Journalist und spätere AK-Pressesprecher und UN-Journalist Otto Leichter unter dem Decknamen Georg Wieser. Leichter koordiniert bis 1938 die Medienarbeit der illegalen Freien Gewerkschaften.

Die verbotenen Druck- und Papiergewerkschaften unterstützen die 568 aus den sozialdemokratischen Druckereien entlassenen Kollegen und Kolleginnen finanziell. Die illegal verbreitete Publikation "Vorwärts" informiert wie die gesamte illegale Gewerkschaftspresse über offiziell verschwiegene Probleme.

Sofort nach dem "Anschluss" 1938 übernimmt die Deutsche Arbeitsfront (DAF) das Gebäude. Die 1934 gegründete Einheitsgewerkschaft wird aufgelöst. ArbeiterInnen und Angestellte werden nun "freiwillig" Mitglieder der DAF, einer der NSDAP angeschlossenen Einheitsorganisation von ArbeitgeberInnen und -nehmerInnen. Österreichische Gesetze und Kollektivverträge verlieren ihre Gültigkeit und werden den schlechteren deutschen Vorgaben angeglichen.

Nach Kriegsende, am 18. April 1945, treffen sich die Gewerkschafter zur ersten informativen Sitzung. Im Juli 1945 zieht die Gewerkschaft für Druck, Journalismus und Papier hier ein. Kurz darauf erscheint trotz Papiermangels und Zensur das Gewerkschaftsblatt "Vorwärts" wieder.

Eingang Zieglergasse 25 - Büchergilde

In Leipzig werden 1924 zwei neue Buchgemeinschaften gegründet. Die nicht kommerzielle "Büchergilde Gutenberg" ausgehend von der graphischen Gewerkschaft und die profitorientierte "Deutsche Buch-Gemeinschaft." Kurz darauf wird jeweils eine österreichische Filiale eröffnet.

Mitte Oktober 1924 übernimmt Franz Latal die Geschäftsführung des Wiener Vereins "Büchergilde Gutenberg." Anfangs haben die deutsche und die österreichische Buchgemeinschaft mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Niemand will das Projekt unterstützen. Die Gründer machen sich auf die Suche nach 500 Mitgliedern, die ihren ersten Monatsbeitrag bezahlen sollen. Es gelingt, und das erste Buch erscheint: Mark Twains "Mit heiterem Auge."

Ab 1925 erscheint die Mitgliederzeitung "Die Büchergilde" mit Informationen zu Neuerscheinungen, Leseproben, Autorenportraits und Reportagen. Die Bücher werden in Deutschland gedruckt, vom österreichischen Verein übernommen und ausgeliefert. Von nun an erscheint jedes Quartal ein Buch, das von den Mitgliedern abgenommen werden muss. Noch gab es kein großes Sortiment.

Es ist für die Buchgemeinschaft schwierig, Lizenzverträge zu bekommen. Die deutschen Verlage drohen den Autoren, sie nicht mehr zu verlegen, sollten sie ihre Bücher über die Gemeinschaft vertreiben. Doch mit B. Travens "Das Totenschiff" gelingt 1926 der erste Bestseller, 30.000 Exemplare werden gedruckt und verkauft. Und 1927 kann der Zwang aufgehoben werden, dass Mitglieder ein Buch beziehen müssen.

Doch nur einige Jahre später, im Mai 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland, stürmen SA und Hilfspolizei Gewerkschaftshäuser und verhaften Verbandsvorsitzende und Bezirkssekretäre. Die Gewerkschaften werden in die DAF eingegliedert. Auch die Büros der "Büchergilde Gutenberg" werden durchsucht, das Gründungsmitglied Bruno Dressler am 15. Mai 1933 wegen "Verdacht auf staatsfeindliche Gesinnung" fristlos entlassen und am nächsten Tag verhaftet.

Daraufhin beschließt der österreichische Ableger der Büchergilde, sich von der nun nationalsozialistischen deutschen Büchergilde zu lösen und mit der Schweizer und der tschechoslowakischen Büchergilde zusammenzu- arbeiten. Schon im Juli 1933 erscheint die nun von den Deutschen unabhängige Mitgliederzeitschrift. Die Büchergilden nehmen die Bücher von Autoren, die für die Nationalsozialisten arbeiteten, wie Max Barthel, der nun Schriftleiter der Nazi-Gilde in Berlin ist, aus dem Programm.

Noch während der Februarkämpfe 1934 werden in Österreich die Gewerkschaften verboten, und auch das Geschäftslokal in der Zieglergasse wird geschlossen und der Verein von der Regierung Dollfuß aufgelöst. Der Vereinsvorstand protestiert gegen die Auflösung, man sei in keiner Weise politisch, sondern verlege Bücher aller Wissensgebiete: moderne Romane, Erzählungen, Reisebeschreibungen, Naturwissenschaften, keine Schundromane und auch keine marxistischen Werke. Dass stimmte nicht ganz, war doch auch Georgi Walentinowitsch Plechanows "Marxismus und Geschichte" mit einem Anhang von Karl Marx und Friedrich Engels im Programm.

Unterstützung für die Büchergilde kam von der nach dem Verbot der Freien Gewerkschaften vom Ständestaat gegründeten Einheitsgewerkschaft. Sie argumentieren, dass man der "Büchergilde Gutenberg" Zeit lassen solle, sich der "neuen Gestaltung Österreichs" anzupassen. Die Intervention ist erfolgreich, ab dem 27. Juni 1934 darf der Verein weiterarbeiten, und am 3. Juli 1934 nimmt die Büchergilde in der Zieglergasse wieder ihre Arbeit auf. 1934 erscheinen trotz der Schwierigkeiten zehn Neuerscheinungen, und die Mitgliederzeitschrift wird an die 8.500 Mitglieder ausgeliefert.

Nach dem "Anschluss" 1938 wird die österreichische Büchergilde aufgelöst und von die Geschäftstätigkeit von der DAF übernommen.

Nach dem Krieg, am 18. April 1945, treffen sich die Gewerkschafter in der Seidengasse und gründen die Graphische Gewerkschaft neu. Die Mitarbeiter der Büchergilde beginnen, den Schutt des durch die Kriegshandlungen zerstörten Geschäftslokals aufzuräumen und kurz darauf mit dem neuerlichen Aufbau der Büchergilde - mit tatkräftiger Unterstützung des ÖGB.

Nur zwei Jahre nach Kriegsende beziehen bereits 28.213 Mitglieder und 1951 schon 54.757 Mitglieder Bücher über die Gilde. Sie können 1951 aus 100 Titeln wählen. Auch vergrößert die Büchergilde ihr Vertriebsnetz, 1954 gibt es schon elf Buchhandlungen, drei davon in Wien. Ab 1955 haben die rund 1,5 Millionen Gewerkschaftsmitglieder die Möglichkeit, Bücher zu ermäßigten Preisen zu kaufen. 1963 wird das Angebot nochmals erweitert, die österreichische Büchergilde übernimmt das Programm der Frankfurter Büchergilde. Die Wiener Gilde produziert nun vierteljährlich "Meistererzählungen der Weltliteratur" und ein Werk eines österreichischen Autors.

In den 1960er-Jahren betreuen Vertrauensmänner in den Betrieben etwa die Hälfte der Vollmitglieder der Büchergilde. Sie kassieren die Beiträge, sammeln Bestellungen ein und besorgen die Bücher. Buchausstellungen in den Betrieben werden vom ÖGB organisiert, und in den ÖGB-Zeitschriften gibt es Werbeeinschaltungen.

1971 wird die Büchergilde zentralisiert, ab 1977 wendet sich die Büchergilde mit direkten Aussendungen an ihre Mitglieder, und ab 1983 übernimmt die Vertragsbuchhandlung A. Pichler Witwe & Sohn die Auslieferung. Heute werden die Büchergildemitglieder direkt aus Frankfurt beliefert.

Am Weg in die Neubaugasse:

Seidengasse: 1862 benannt nach den zahlreichen Seidenfabrikations- und verarbeitungsstätten in der Umgebung.

Seidengasse 13: hier war das ehemalige Studio der Sendergruppe Rot-Weiß-Rot, ein von den USA kontrollierter Radiosender in der Nachkriegszeit. Gesendet wurde von hier vom November 1945 bis zum 27. Juli 1955.

Dorothea-Neff-Park: 2007 benannt nach der Schauspielerin Dorothea Neff (1903-1986). Sie spielte ab 1939 auf dem Deutschen Volkstheater, versteckt von 1941 bis 1945 ihre jüdische Freundin Lili Wolff, unterstützt wurde sie dabei vom jungen Arzt und späteren Psychiater Erwin Ringel. Am 2. September 1944 werden alle Theater in Wien geschlossen. Neff wird einer Fabrik als Arbeiterin zugewiesen. Nach dem Krieg wandert ihre Freundin in die USA aus. Neff kehrt sofort ins Volkstheater zurück, hilft bei den Wiederaufbauarbeiten und steht bald wieder auf der Bühne. (Siehe Volkstheater).

Der Tiroler Dramatiker Felix Mitterer schreibt das Stück "Du bleibst bei mir", in dem er das Zusammenleben der beiden Frauen thematisiert. Die Uraufführung findet am 9. September 2011 im Volkstheater statt.

Vorbei an der Bandgasse bis zur Hermanngasse

In der Hermanngasse 2 war ab dem 1. Juli 1919 das erste Bezirkssekretariat der Neubauer Sozialdemokraten. Später entsteht im Keller ein Kleinkaliber-Schießstand des Republikanischen Schutzbundes.

Hermanngasse 9: Ehemaliges Gasthaus der Gold- und Silberschmiede: hier trafen sich die Mitglieder des 1882 gegründeten "Volksvereins Gerechtigkeit für den 7. Bezirk." 1919 wurde daraus die Bezirksorganisation Neubau der Sozialdemokratischen Partei.

Bis zur Westbahnstraße, stadteinwärts bis zur Neubaugasse und in Richtung Burggasse abbiegen.

Neubaugasse: 1862 benannt nach der Vorstadt Neubau: die Verbauung begann um 1550.

Neubaugasse Hnr. 42: Hier befand sich die "Zollernschule": eine 1768 gestiftete Schule für arme Kinder.

Neubaugasse Hnr. 49: Hier befand sich ab 1837 ein kleines Kinderspital, das später zum St.-Anna-Kinderspital wurde.

Durch die Neubaugasse fuhr bis 1907 eine Pferdeomnibuslinie, sie wurde durch die elektrische Straßenbahn ersetzt und 1961 wieder eingestellt. Seither fährt der 13A anfangs als Doppeldeckerbus jetzt als Gelenksbus durch die Neubaugasse.

Quelle: Roger Charles Pfister, Zur Geschichte der Buchgemeinschaften in Österreich, Diplomarbeit, Universität Wien 2000

Brigitte Pellar, Eine andere Geschichte Österreichs, GPA-djp, Verlag des ÖGB GmbH Wien, 2014

Graphischer Bildungsverein der Gewerkschaft Druck und Papier (Hg.) 150 Jahre Gewerkschaft Druck und Papier, Verlag des ÖGB GesmbH (ohne Jahreszahl)

Peter Autengruber, Lexikon der Wiener Straßennamen, Pichler Verlag, 2014

Wien.gv.: Strassennamen (abgerufen am 08.04.2015)

GPA-djp (abgerufen am 08.04.2015)


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